Wirtschaft

Kann sich Europa unabhängig von Chinas Seltenen Erden machen?

Kann sich Europa unabhängig von Chinas Seltenen Erden machen?
Kann sich Europa unabhängig von Chinas Seltenen Erden machen? - Foto: © Anastasiia #682161124 - stock.adobe.com

In fast allem, was für die digitale Transformation benötigt wird, stecken Seltene Erden. Von den weltweiten Vorkommen befinden sich ungefähr die Hälfte in China. Kommt es zu einer Blockade bei der Auslieferung dieser Hightech-Rohstoffe durch China, könnte das für die europäische Wirtschaft fatale Folgen haben. Es gibt jedoch Möglichkeiten für eine resilientere Versorgung.

Analyse der strukturellen Abhängigkeiten von Seltenen Erden

Das Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Bundestag (TAB) hat eine Untersuchung vorgenommen und die strukturellen Abhängigkeiten von Seltenen Erden analysiert. Seltene Erden sind in fast allem enthalten, was für die digitale Transformation erforderlich ist. Dazu gehören Elektromotoren, Festplatten, Permanentmagnete in Offshore-Windkraftanlagen, Militärtechnik und Glasfasernetze.

Der Bedarf an Seltenen Erden steigt ständig aufgrund des demografischen Wandels und der Dekarbonisierung.

Ein Dilemma wird mit Blick auf die geografische Verteilung dieser Hightech-Rohstoffe sichtbar. Ungefähr die Hälfte der weltweiten Vorkommen befinden sich in China.

Nicht nur die reine Förderung im Bergbau stellt ein Problem dar und macht die Abhängigkeit von China deutlich. Die Raffination und Weiterverarbeitung der Seltenen Erden ist technologisch anspruchsvoll. Auch hier dominiert der asiatische Raum. Die Volksrepublik China kontrolliert ungefähr 90 Prozent der globalen Wertschöpfung.

Seltene Erden sind in fast allem enthalten, was für die digitale Transformation erforderlich ist
Seltene Erden sind in fast allem enthalten, was für die digitale Transformation erforderlich ist – Foto: © pla2na #1926311349 – stock.adobe.com

Verletzlichkeit der westlichen Industrie

Ein Blick auf die Importdaten zeigt die Verletzlichkeit der westlichen Industrie. Fast die Hälfte der frühen Verarbeitungsstufen und 84 Prozent der weiterverarbeiteten Metalle aus Seltenen Erden bezieht Deutschland direkt aus China. Die verarbeiteten Zwischenprodukte sind toxisch und chemisch instabil. Es ist daher nicht möglich, diese Zwischenprodukte im großen Stil als Vorräte einzulagern.

China nutzt seine Marktmacht strategisch. In den vergangenen Jahren hat die Volkswirtschaft zur Kontrolle der globalen Wertschöpfungskette wiederholt restriktive Ausfuhrverbote für Trenn- und Verarbeitungstechnologien erlassen. Damit reagiert China auf die Handelskonflikte mit den USA.

Seltene Erden bezieht Deutschland direkt aus China
Fast die Hälfte der frühen Verarbeitungsstufen und 84 Prozent der weiterverarbeiteten Metalle aus Seltenen Erden bezieht Deutschland direkt aus China – Foto: © tanaonte #725786963 – stock.adobe.com

Politischer Schutzschirm mit ehrgeizigen Zielmarken

Der Critical Raw Materials Act der EU soll als politischer Schutzschirm dienen und sieht ehrgeizige Zielmarken bis 2030 vor. Der europäische Bergbau soll mindestens zehn Prozent des heimischen Verbrauchs decken. Aus eigener Raffination sollen 40 Prozent stammen, über das Recycling sollen mindestens 25 Prozent abgedeckt werden.

Kein Drittland darf von einem kritischen Rohstoff mehr als 65 Prozent des Jahresbedarfs liefern. Die Realität sieht jedoch noch völlig anders aus. Im Bergbau dauert es zumeist Jahrzehnte, bis es nach der ersten Erkundung einer Mine zur tatsächlichen Produktion kommt. Es gibt gegenwärtig nur wenige Projekte außerhalb Chinas, die weit fortgeschritten sind.

Wie die TAB-Studie zeigt, kommt es auf verschiedene Maßnahmen an, die miteinander verzahnt werden, damit eine echte Rohstoffsouveränität möglich ist. Die Autoren der Studie sprechen sich für einen umfangreichen Ausbau der Kreislaufwirtschaft aus. In den kommenden Jahren wird der Lebenszyklus für viele Windräder und Elektroautos enden. Daher besteht ein großes Potenzial.

Für die effiziente Rückgewinnung wertvoller Altmagnete sind Verbesserungen bei den Sammel- und Rücknahmestrukturen erforderlich. Die Verantwortung der Hersteller muss ausgeweitet werden. Sinnvoll sind digitale Produktpässe, da sie die Sortierung erleichtern können und genaue Informationen über die verbauten Materialien liefern.

Beim europäischen Recycling fehlt es an einem geschlossenen System. Es mangelt an Raffinationskapazitäten. Auch hier ist die europäische Industrie noch von China abhängig. Sekundäre Rohstoffe müssen für die finale Trennung nach China exportiert werden.

Bedeutung der Kreislaufwirtschaft

Die Verfasser der Studie weisen auch auf die Bedeutung der Substitutionsforschung hin. Die stoffliche Rückgewinnung ist häufig energie- und umweltintensiv. Es gilt, kritische Materialien zu vermeiden. Der Fokus der Forschung liegt auf der Nanostrukturierung. Schwere Materialien wie Terbium oder Dysprosium in Permanentmagneten sollen reduziert werden.

Künstliche Alternativen wie Hochtemperatursupraleiter oder Tetrataenit könnten als Ersatz dienen.

Bis sich diese Technologien etabliert haben, sind flankierende marktgestaltende Maßnahmen erforderlich. Europäische Rezyklate sind aufgrund hoher Lohn- und Umweltstandards teurer als Primärware aus China. Der europäische CO2-Grenzausgleich und staatlich garantierte Referenzpreise könnten als Schutz dienen. Um extreme Preisvolatilitäten abzufedern, empfehlen die Forscher, strategische Rohstoffreserven aufzubauen.

Ausblick auf das Jahr 2035

Die Forscher gewähren mit drei Übersichten einen Ausblick auf das Jahr 2035. Sollte es zu einer blockierten Souveränitätswende kommen, spaltet sich die Welt in isolationistische Blöcke. Die Dominanz Chinas wird dadurch gefestigt, während die europäische Unabhängigkeit scheitert.

Punktuelle Erfolge durch Rohstoffpartnerschaften könnten durch eine fragmentierte Wende möglich sein. Solche Partnerschaften ließen sich nur mühsam verhandeln. Europa wäre damit anfällig für Lieferkettenabrisse.

Erfolgversprechend ist nur eine proaktive Souveränitätswende. Werden frühzeitig konsequent Recycling und Substitution vorgenommen und liegt eine europäische Sicherheitsreserve vor, könnte sich die EU dauerhaft gegen geopolitische Erpressungen behaupten.

Die technologische Zukunft Europas kann nur durch einen integrierten Ansatz gesichert werden, bei dem Primärförderung, Substitution und Recycling berücksichtigt werden.