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Prokrastination als Selbstsabotage Ursachen und Mechanismen im Gehirn

Prokrastination als Selbstsabotage
Prokrastination als Selbstsabotage Ursachen und Mechanismen im Gehirn - Foto: © Lais #550240975 - stock.adobe.com

Die meisten Menschen haben schon unangenehme Aufgaben aufgeschoben. Der wissenschaftliche Ausdruck für das willentliche Aufschieben trotz negativer Konsequenzen ist Prokrastination. Das ist kein Zeichen von Faulheit. Das Gehirn hindert daran, aktiv zu werden, da es auf Stress und Bedrohung reagiert.

Prokrastination als Selbstsabotage

Auch wenn für eine Aufgabe die Deadline schon lange bekannt ist, wird sie immer wieder aufgeschoben. Der Grund dafür kann sein, dass die Dauer unterschätzt wurde. Auch die Sorge um das Ergebnis oder verschiedene Details können daran hindern, die Aufgabe kurzfristig zu erledigen.

Die Prokrastination ist eine Form der Selbstsabotage. Wer aufschiebt, führt sich selbst einen Schaden zu. Das erfolgt häufig unbewusst, doch kann es Pläne, Ziele und das Leben aus der Bahn werfen, wie der schottische klinische Psychologe Charlie Heriot-Maitland erklärt.

Es mangelt nicht immer an Motivation. Das Gehirn reagiert auf die wahrgenommene Bedrohung, was in evolutionären Überlebensmechanismen begründet sein kann.

Erlernte Verhaltensmuster, Traumata und Ängste können diese Reaktionen verstärken.

Die Verhaltensweisen können sich im ersten Moment schützend anfühlen. Die Menschen werden jedoch durch Vermeiden, Aufschieben und Selbstkritik daran gehindert, ihre Ziele zu erreichen, auch wenn ihnen das nicht immer bewusst ist.

Um die Prokrastination und die damit verbundene Selbstsabotage zu vermeiden, kommt es darauf an, sie zu verstehen und das Muster zu verändern.

Prokrastination Form der Selbstsabotage
Die Prokrastination ist eine Form der Selbstsabotage – Foto: © Manuel #1853961603 – stock.adobe.com

Verschiedene Ursachen der Prokrastination

Selbstsabotage kann unterschiedliche Ursachen haben, die bislang noch nicht vollständig erforscht sind. Der Psychologe Philip Jean Richard dit Bressel von der University of New South Wales in Sydney untersucht die Psychobiologie von Entscheidungsverhalten und beschreibt, wie solche Muster entstehen können.

Die Kampf und Flucht Reaktion ist eine zentrale Stressreaktion des Menschen.

Sie wird in der Amygdala im Gehirn ausgelöst, einer Struktur, die eng mit Emotionen und Erinnerungen verbunden ist. Diese automatische Reaktion hat sich evolutionär entwickelt, um Menschen vor akuten lebensbedrohlichen Gefahren zu schützen.

Im modernen Alltag wird dieses System auch durch Situationen wie Kritik oder bevorstehende Deadlines aktiviert, obwohl keine unmittelbare körperliche Gefahr besteht. In solchen Momenten greifen Menschen häufig auf Verhaltensweisen zurück, die kurzfristig Sicherheit oder Erleichterung verschaffen. Prokrastination kann dadurch als eine Art Schutzreaktion entstehen.

Kurzfristig wirkt die dadurch entstehende Erleichterung oft wie eine Belohnung. Langfristig führt dieses Verhalten jedoch häufig zu negativen Konsequenzen und verstärkt den Stress zusätzlich.

Verschiedene Ursachen der Prokrastination
Selbstsabotage kann unterschiedliche Ursachen haben, die bislang noch nicht vollständig erforscht sind – Foto: © Seventyfour #537646595 – stock.adobe.com

Prokrastination und biologische Grundlagen

Prokrastination wird in der neurowissenschaftlichen Forschung mit Unterschieden in Gehirnnetzwerken in Verbindung gebracht. Dabei spielen vor allem Bereiche eine Rolle, die an Selbstkontrolle, Planung und Emotionsverarbeitung beteiligt sind.

MRT Studien zeigen Zusammenhänge zwischen Prokrastination und Strukturen im präfrontalen Kortex sowie im orbitofrontalen und limbischen System. Diese Regionen sind wichtig für zielgerichtetes Handeln, Entscheidungsfindung und die Bewertung von Belohnung und Aufwand. Die gefundenen Unterschiede beziehen sich auf Korrelationen in Struktur und Funktion, nicht auf eindeutig nachgewiesene Ursachen.

Unter Stress kann die Aktivität im präfrontalen Kortex vorübergehend abnehmen, während emotionale und impulsive Reaktionen stärker werden können.

Dadurch fällt es schwerer, kurzfristige Vermeidungsimpulse zu kontrollieren und geplantes Verhalten umzusetzen.

Prokrastination kann erlernt sein

Selbstsabotage kann erlernt sein. Menschen, die bereits als Kinder häufig starke Kritik hinnehmen mussten, können Feedbacksituationen als Bedrohung empfinden. Da sie ein negatives Feedback befürchten, schieben sie Aufgaben auf.

Forscher haben festgestellt, dass Menschen, die zu Prokrastination neigen, häufig Strategien zur Erhaltung ihres Selbstwerts entwickeln. Durch Aufschieben schaffen sie äußere Hindernisse, auf die sie schlechte Leistungen zurückführen.

Eine wichtige Rolle für die Selbstsabotage können frühere Erfahrungen spielen. Diejenigen, die in der Kindheit emotional vernachlässigt wurden oder deren Eltern emotional unreif waren, neigen eher zur Prokrastination.

Die Angst vor dem Scheitern ist ein weiterer wichtiger Faktor für das Aufschieben, wie der Professor für Marketing und Verhaltensökonomie an der Universität von Kalifornien, Hal Hershfield, erklärt.

Die Angst vor dem Scheitern führt zur Vermeidung. Letztendlich resultiert das Scheitern in der Vermeidung.

Viele Menschen unterschätzen die Zukunft und überbewerten die Gegenwart. Das Aufschieben wird dadurch begünstigt. Oft fällt es den Menschen die Verknüpfung von Handlungen und deren Konsequenzen schwer.

Aufschieben und Selbstsabotage vermeiden

Nicht immer können Menschen die Prokrastination vollständig bewusst kontrollieren. Da es sich um ein erlerntes Muster handelt, kann die Selbstsabotage wieder verlernt werden.

Menschen, die häufig aufschieben, sollten sich über ihre eigenen inneren Reaktionen bewusst werden. Die Gefühle müssen nicht beseitigt werden. Wichtig ist jedoch, ihnen nicht immer zu folgen. Es ist sinnvoll, dass diejenigen, die häufig aufschieben, beobachten, wie sie in der Regel auf Aufgaben reagieren und welche Folgen das für sie hat.

Wer die Muster erkannt hat, sollte weniger Selbstkritik üben, sondern stattdessen Selbstmitgefühl entwickeln. Zwischen dem Verhalten in der Vergangenheit und den zukünftigen Zielen sollte Abstand geschaffen werden. Der Kreislauf kann durch Selbstvergebung unterbrochen werden.

Ist die Versuchung, etwas aufzuschieben, groß, ist ein Blick in die Zukunft sinnvoll. Die Unsicherheit der Zukunft ist nicht kontrollierbar. Menschen können jedoch kontrollieren, wie sie aktuell auf Bedrohungen reagieren.