Wirtschaft

Was könnte die Corona-App bewirken?

Deutschland im Krisenmodus: Was könnte die Corona-App bewirken?
Deutschland im Krisenmodus: Was könnte die Corona-App bewirken?

Seit mehreren Wochen ist von einer App die Rede, die die Infektionswege von Covid 19 offenlegen soll. In diesem Tracing sehen Ökonomen eine besonders wirkungsvolle Methode, um Kontaktbeschränkungen zu lockern und dennnoch den gesundheitlichen Schutz aufrechtzuhalten. Doch die Einführung der Corona-App ist mit einigen Hürden verbunden.

Positive Wirkungen des Lockdowns

Der Lockdown hat seine Wirkung nicht verfehlt. Die Ausbreitung des Corona-Virus scheint unter Kontrolle zu sein. Die Zahl neuinfizierter Person nimmt stetig ab. Doch der Preis für diesen Erfolg ist hoch.

Nach der Gesundheitskrise ist vor der Wirtschaftskrise: Aktuell steuert Deutschland auf eine der schwersten Rezessionen in der Geschichte des Landes zu.

Mittlerweile werden Hunderttausende an Unternehmen mit ihrem Ruin konfrontiert. Sie fordern einen wirtschaftlichen Wiedereinstieg, ebenso wie die Bevölkerung. Mehrere Bundesländer sprachen sich bereits für Lockerungen der Kontaktbeschränkungen aus. Mittlerweile steht fest, dass es ab sofort allen Bundesländern freisteht, nach eigenem Ermessen und unter Auflagen in die Normalität zurückzukehren.

Nicht voreilig handeln

Dennoch sehen Ökonomen ein großes Risiko darin, zu voreilig zu handeln und die Fesseln von einen Tag auf den anderen zu stark zu lösen. Schnell könnte sich das Blatt wenden und das Gesundheitssystem durch eine abrupt auftretende zweite Corona-Welle überfordern.

Deshalb entwickelten Ökonomen wie Friederike Mengel oder Wirtschaftsweise Veronika Grimm ein epidemologisches Modell, um die Effekte verschiedener Corona-Maßnahmen besser einschätzen zu können. Demzufolge ist eine Lockerung von Einschränkungen für spezielle Gruppen mit einer Verwendung von Apps zur Nachverfolgung sozialer Kontakte ein guter Kompromiss zwischen ökonomischer Verträglichkeit sowie gesundheitlichem Schutz.

Verheerende Auswirkungen bei Nichtbeachtung aller Schutzmaßnahmen

Dieses epidemologische Modell ermöglicht es den Wissenschaftlern, auf verschiedene Ansteckungsraten zwischen unterschiedlichen Regionen, Bevölkerungsgruppen sowie Krankheitsverläufen Rücksicht zu nehmen. Würden diesem Modell zufolge alle Schutzmaßnahmen und Restriktionen ignoriert werden, würden Intensivpflegestationen nicht nur unter einer starken Belastung leiden. Außerdem wären bis zu 500.000 neue Todesopfer die Folge.

Doch im Gegenzug geben die Ökonomen dennoch zu verstehen, dass ein künstlich in die Länge gezogener Lockdown ebenfalls keine Problemlösung ist. In diesem Fall würde sich die Mortalitätsrate zwar deutlich reduzieren. Doch in diesem Fall wäre ein Großteil der Bevölkerung auch nach einem 500-tägigen Stillstand noch nicht immunisiert.

Da das Ansteckungsrisiko in dieser Situation besonders hoch ist, müssten sich Menschen so lange abschotten, bis ein Impfstoff zur Verfügung steht. Aus wirtschaftlicher Sicht könnte diese Maßnahme allerdings nicht für längere Zeit aufrechterhalten bleiben. Denn die drastischen Auswirkungen auf die Wirtschaft sowie Negativfolgen für Bildungsverläufe wären nicht auszudenken.

Eine Isolation von Risikogruppen führt nicht zum gewünschten Erfolg

Dieses Modell ermöglicht es ebenfalls, bestimmte Maßnahmen für Risiko- und Altersgruppen einzuleiten. Häufig wurden Forderungen laut, denen zufolge insbesondere Personen aus Risikogruppen isoliert werden sollen.

Allerdings gaben erste Fallstudien zu verstehen, dass die alleinige Isolation von Risikogruppen keinesfalls zum erhofften Erfolg führt.

Außerdem ist es in unserer Gesellschaft schlichtweg unmöglich, einen Teil der Bevölkerung strikt abzuschotten. Zudem ist diese Maßnahme auch nicht ethisch vertretbar.

Ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren

Die Berechnungen der Ökonomen legen nahe, dass ein besonderer Schutz der Risikogruppen mit parallelen Lockerungen für weniger gefährdete Risikogruppen durch Tracing-Apps einen Großteil an Todesopfern verhindern könnte.

Besonders wichtig ist es dabei, dass das Gesundheitssystem trotz der Lockerungen nicht überlastet wird. Ein zuverlässiger Gesundheitsschutz ohne Einschränkungen des sozialen und wirtschaftlichen Lebens bedarf allerdings einer guten Vorbereitung. Eine entsprechende App ist derzeit noch nicht verfügbar.

Diese sogenannten Tracing-Apps speichern via Bluetooth all die Kontakte ab, die Nutzer miteinander verbinden. Wird eine dieser Personen von Gesundheitsbehörden als infiziert eingestuft, erhalten all die Personen eine Benachrichtigung, die sich vor der Diagnosestellung möglicherweise angesteckt haben können. Diese Betroffenen müssen anschließend ebenfalls in Quarantäne, um keine anderen Menschen anzustecken. Auf diese Weise soll eine Ausbreitung des Virus minimiert werden.

Benutzerin der Tracing App
Eine wichtige Grundlage für die Effizienz der Tracing-App ist jedoch die Tatsache, dass viele Menschen die App auch tatsächlich nutzen

Vorteile der Tracing-App

Eine wichtige Grundlage für die Effizienz der Tracing-App ist jedoch die Tatsache, dass viele Menschen die App auch tatsächlich nutzen. Je mehr Menschen die App nutzen, desto höher ist die Verlässlichkeit des Tools. Eine wichtige Voraussetzung setzt allerdings auch ein schnelles Handeln von Gesundheitsämtern voraus. In diesem Fall müssten die Ämter Quarantäne anordnen, bevor weitere Menschen infiziert werden.

Dennoch gehen die Ökonomen nicht davon aus, dass tatsächlich alle Deutschen die Apps nutzen werden.

Zudem ist es nicht sicher, dass alle Smartphonebesitzer auch stets den Tracing-Modus aktivieren. Ihrer Meinung nach würde es genügen, wenn 80 Prozent aller Menschen die Tracing-App konsequent nutzen würden. Auf diese Weise wäre eine effiziente Eindämmung der Infektionsrate weitgehend sichergestellt. Im Gegenzug ist es wichtig, dass Kontaktbeschränkungen und andere Schutzmaßnahmen auch weiterhin Bestand haben, obwohl die App bei den Personen nicht zum Einsatz kommt.

Erwarten uns bis Ende Juni bis maximal 200.000 Infizierte?

Als Ergänzung zu diesen Vorschlägen stellte Hasan Alkas von der Hochschule Rhein-Waal in Kleve ein weiteres Prognosemodell für die Erkrankung vor. Allerdings ist dieses Prognosemodell darauf ausgelegt, einen weiteren Epidemieverlauf auf Grundlage vergangener Daten zu ermitteln. Diesen Berechnungen zufolge werden bis Ende Juni in Deutschland maximal 200.000 Infizierte diagnostiziert. In Anbetracht dieser Zahlen wäre der Corona-Virus in Deutschland unter Kontrolle. Allerdings setzt Alkas eine geringe Reproduktionszahl voraus.

Diese Reproduktionszahl gibt darüber Aufschluss, wie viele Menschen eine infizierte Person durchschnittlich ansteckt. Unterschreitet der Wert die Zahl 1, reduziert sich die Anzahl an erkrankten Personen langsam. In dem Fall wäre ein Wachstum der Pandemie gestoppt.

Während Alkas diesen Wert bei 0,5 ansetzt, schätzt das Robert-Koch-Institut den Wert auf 0,8. Dieser Unterschied könnte ebenfalls damit zusammenhängen, dass Alkas eine etwaige Dunkelziffer unberücksichtigt lässt.

Der Weg bis zur Normalität ist noch weit

Eine wichtige Basis nahezu aller Berechnungen sind bislang gemeldete Fallzahlen. Allerdings muss in diesem Zusammenhang auch erwähnt werden, dass zahlreiche Infektionen gar nicht erkannt werden. Zahlreiche Betroffene haben keine oder nur schwache Symptome. Außerdem hat vermutlich auch nicht jede Person einen Test erhalten.

Die große Stärke des von Grimm und ihren Kollegen entwickelten Modells besteht darin, dass dieses Konzept ebenfalls asymptomatische, schwere oder unterschiedlich lange Infektionsverläufe einschließt.

Dennoch kann das Modell keine genauen Aussagen darüber treffen, wann der Virus endgültig unter Kontrolle sein wird.

Vielmehr ist es Grimm und ihren Kollegen wichtig, Prognose-Methoden darzulegen, inwiefern die Lockerungen bei verschiedenen Schutzmaßnahmen sowie mit Unterstützung der Apps das Infektionsgeschehen beeinflussen könnten. Allerdings wird sich Normalität erst endgültig wieder einstellen, wenn ein Impfstoff gefunden ist.